Ein Kommentar zur Ausdünnung des städtischen Kulturprogramms in Weißenburg

An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt?           An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? –      Ebenfalls an uns.

Bertolt Brecht: Lob der Dialektik

„Bei seiner letzten Sitzung nahm der Weißenburger Stadtrat den Vorschlag für die Bergwaldtheatersaison 2013, ohne Diskussion, nur noch zur Kenntnis. Wie schon in den Jahren davor wird das Programm weiter ausgedünnt. Der Etat für Gagen gar um 50 000 Euro, auf nur noch 90 000 Euro, gekürzt.

Gleich sechs Veranstaltungen weniger, bedeuten auf den ersten Blick einen weiteren kulturellen Aderlass für die Stadt Weißenburg. Durchschnittlich „nur“ 691 BesucherInnen waren in diesem Jahr zu den insgesamt 15 Veranstaltungen gekommen. Wie jedes Jahr wird ein Vergleich angestellt zu Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts und die damaligen Durchschnittszahlen von 1 168 BesucherInnen pro Veranstaltung als „Heiliger Gral“ präsentiert. Zu erreichen wird die Zahl jedoch nur noch bei einigen wenigen Veranstaltungen sein. Beispielsweise durch, wie schon von den Linken im Stadtrat gefordert, den Liedermacher Hans Söllner. Dessen Einladung zu einem Auftritt allerdings wegen ideologischen Borniertheiten der bürgerlich-konservativen Stadträte abgelehnt wurde.

Atemlosigkeiten im kulturellen Angebot
Die Zeiten haben sich grundlegend verändert. Durch private, halbstaatliche und gewerbliche/gastronomische Initiativen findet seit Jahren ein Überangebot von Tanz- und Kulturveranstaltungen sowie vermeintlichen „Höhepunkten des menschlich Erfassbaren“ statt. An Wochenenden können gleich an mehreren Orten der Region mindestens eine „Unvergessliche“, „Einmalige“, „Krasseste“, „Geilste“, „Beste“ Veranstaltung aller Zeiten miterlebt werden.

Mit Superlativen der Wortwahl wird gearbeitet und eine kulturelle Einbildungsblase künstlich erschaffen. Doch für jede Blase kommt der Zeitpunkt der Implosion/Explosion durch interne und externe, durch objektive und subjektive, Gründe. Und so schließen immer wieder Veranstaltungsorte sowie kommerzielle Veranstaltungsagenturen oder langjährige Programmkonzepte finden Ihr Ende, weil ein Dauererfolg niemand garantieren kann. Eine Monopolstellung, durch die permanente Jagd nach VeranstaltungsbesucherInnen, unter dem Label „Unvergessliche“, „Einmalige“, „Krasseste“, „Geilste“, „Beste“ Veranstaltung aller Zeiten einfach nicht möglich ist. Gleichzeitig entstehen allerdings auch wieder neue Veranstaltungsorte sowie kommerzielle Veranstaltungsagenturen um das teilweise maßlose Verlangen nach einer neuen „Unvergesslichen“, „Einmaligen“, „Krassesten“, „Geilsten“, „Besten“ Veranstaltung aller Zeiten zu befriedigen. Dauerhaft kann eine kleine Stadt wie Weißenburg nicht mit dieser Atemlosigkeit mithalten.

Qualität kann nicht quantitativ erfasst werden
Man muss sich zuerst einmal in bestimmten Bereichen der menschlichen Schöpfungslogik frei machen von statistischen Zahlenmaterialien. Vor allem von den Ansätzen nach quantitativen Größenordnungen die Qualität von künstlerischen Werken einzukategorisieren sowie festzumachen. Kunst und Kultur gehören nicht in den Bereich der kapitalverwertenden betriebswirtschaftlichen Logik, wonach bspw. ein Bühnenstück nur dann gut oder von Erfolg gekrönt sein kann/darf, wenn auch mindestens X BesucherInnen es gesehen haben.

Viel mehr müsste man sich die Frage stellen wieso die Menschen das Stück nicht gesehen haben. Was sich im Vergleich zu Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts im Leben der Menschen so sehr verändert hat, dass die Bevölkerung die kulturellen Angebote der Stadt Weißenburg nicht mehr mit einem Besuch quittieren möchte oder kann.

Früher war alles besser?
Doch damit würde man sich mit den Alltagsproblemen der Menschen beschäftigen müssen. Müsste man sich zugestehen, dass das Leben härter geworden ist für breite Bevölkerungsschichten in der BRD und damit natürlich auch in Weißenburg. Man müsste sich eingestehen, dass politische Entscheidungen auf anderen politischen Ebenen dazu beigetragen haben, dass man heutzutage nicht einfach so eine Familie gründen, ein Haus bauen und/oder womöglich einen Baum pflanzen kann.

Die Lebensrealitäten von Millionen Menschen in der BRD sind begleitet von Angst und Perspektivlosigkeit. Wie eine ansteckende Krankheit erfasst sie, scheinbar durch die Luft übertragen, immer mehr Schichten der Bevölkerung. Alte klassenkämpferischen Rhetoriken, womit unterschieden wurde, zwischen denen da „Oben“ und „Unten“, scheinen immer weniger eine Rolle zu spielen, trifft man sich doch ökonomisch bei den da „Unten“. All dies läßt fast schon melancholisch blicken auf alte Zeiten und man hört wieder vermehrt den sehnsüchtigen, aber auch selbst tückischen, Satz: „Früher war alles besser!“.

Ob früher alles besser war hat der Mensch selber für sich zu ermessen, wenn er denn Vergleichsmöglichkeiten hat. Die Verantwortung, für ein bewusstes und emanzipatorisches Leben in einer widersprüchlichen Gesellschaft, im Hier und Jetzt, gilt es jedoch wieder selber in die Hand zu nehmen. Dazu muss Er/Sie begreifen was sich verändert hat. Muss vom bloßen Fühlen zum Verstehen übergehen. Ansprüche an ein gutes Leben stellen und diese anderen Menschen mitteilen. Seinesgleichen suchen um sich zu vernetzen und Anderen dabei zu helfen über die von Menschen geschaffenen vermeintlich unveränderbaren gesellschaftlichen sowie auch ökonomischen „Wahrheiten und Logiken“ nachzudenken und diese als kritisches Individuum komplett infrage zu stellen. Denn Neues und Anderes braucht die Menschheit um sich zu befreien von den Hierarchien in die der Mensch sich hat freiwillig stoßen hat lassen. Eine ganze, man will es kaum sagen, „deutsche“ Mentalität“, welche meint ohne Autoritäten nicht auskommen zu können, gilt es abzustreifen. Es gilt unruhig zu werden.“

Erkan Dinar, Vorsitzender in spe des Bildungsvereins „Brecht(h)aus Bibliothek“ und Gründungsmitglied der Linksjugend [’solid] Weißenburg

Kontakt zum Bildungsverein „Brecht(h)aus Bibliothek“ über die E-Mail-Adresse: erkandinar@web.de

Um Bücherspenden zur Schaffung einer linken Bibliothek wird gebeten.

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2 Antworten to “Ein Kommentar zur Ausdünnung des städtischen Kulturprogramms in Weißenburg”

  1. steht oben Says:

    Ich habe den Hans Söllner 1985 in Berchtesgaden kennengelernt. Er wäre damals bereit gewesen auf der „traditionellen“ Weihnachtsfeier im JUZ aufzutreten, leider hat das damals aber die JUZ´ler nicht interessiert….der sei zu „bairisch“ hiess es.

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